„La Planta de Shiva“ 9b – Die Story einer Rotpunktbegehung oder „was wirklich geschah“ von martin Tekles
Bei „la Planta de Shiva“ handelt es sich um eine 50 m lange Route in Villanueva del Rosario, einem kleinen typisch andalusischen Dorf im Süden Spaniens. Über 120 Züge, kleine Leisten, ein Ausdauergerät per excellence. Man klettert zunächst die erste Seillänge mit dem Schwierigkeitsgrad 8c ehe man zu einem moderaten Rastpunkt kommt. Danach schließt sich der zweite Part, der ungefähr bei 9a/+ eincheckt. Beides aneinandergefügt erhält man „La Planta de Shiva“ 9b. Erstbegangen von Adam Ondra 2011 und einem erlesenen Kreis wie Jakob Schubert, Angy Eiter, Jorge Diaz-Rullo und Anak Verhoeven, die sich schon eine Wiederholung sichern konnten.
7 Begehungen, bis am 7. November Folgendes geschah…
7 Uhr Ich liebe meinen Rhythmus. Ein Tagesablauf, im Leben in Villanueva, war immer der gleiche. 7 Uhr aufstehen, Frühstücken und den Tag beginnen lassen.
8 Uhr Das ganze Gepäck und Kletterzeug herrichten, dass ich für den Tag brauche. Essen, Kleidung und sonstiges. Dann Dehnübungen, Gymnastik, Lockern und die Route visualisieren. Nach bereits unzähligen Tagen im Projekt gestaltet sich das Visualisieren schwierig. Manchmal passiert es, dass ich beim Visualisieren mir schon wieder denke: „Hoffentlich falle ich nicht wieder an der gleichen Stelle“, „Hoffentlich rutsche ich nicht vom Tritt ab“. Alles negative Gedanken. Sofort merke ich, ich muss Gegensteuern. Also entspannen und die Sequenz nochmal neu visualisieren. Noch mal neu starten. Das ist nicht nur sehr anstrengend, es schlägt sich auch sehr auf körperliche Befindlichkeiten wieder. Ich bemerke die Anspannung überall im Körper.
9:30 Uhr Etwas Lesen, ein kleiner Snack und los gehts in Richtung Fels. Das Apartment in Villanueva liegt ideal und so ist man in kurzer Zeit am Parkplatz vom Klettersektor.
10:45 Uhr Es ist ein kurzer Zustieg von ca. 20min durch Olivenbäume. Für den Tag ist Nordwind angesagt bei angenehmen Temperaturen. Mittlerweile weiß ich, dass ich Nordwind bräuchte. Weil dieser dann frontal kühle Luft an die Wand bringt. Optimale Bedingungen entwickeln sich, wenn der Wind hingegen aus Süden kommt, ist es an die Wand eher windstill und oft zu schwül und zu anstrengend, um die kleinen Leisten fixieren zu können.
11 Uhr Auf dem Weg ist mir dann aufgefallen. Wind kommt aus Süden. Wieder nicht optimal. Das setzt sich leicht im Kopf fest, wieder Gegensteuern, bloß nicht negative Energie aufkommen lassen. Schließlich am Wandfuß angekommen beginnt mein übliches Aufwärmprogramm. Dehn/- und Kräftigungsübungen mit dem Terraband, Spannungsübungen, aufwärmende der Finger am Griffboard.
11:30 Uhr Wieder die gleichen Aufwärmrouten klettern. Rhythmus gibt Sicherheit. Auf meine Techniken fokussieren.
Mittlerweile wenn habe ich mein Programm so perfektioniert, dass ich weiß, welche Route ich klettern muss, wie viel Pausen ich einzuhalten habe. Von der ersten Aufwärmtour bis zur zweiten sind es genau 40 Minuten. Als zweiten Aufwärmtour steige ich in „La Planta“ ein, bis zum fünften Haken in der zweiten Seillänge klettere ich in Sequenzen mit ausreichend Pause.
Anschließend eine Stunde und 15 Minuten Pause bis zum ersten Durchstiegsversuch an diesem Tag. 40 Minuten vor dem Versuch klettere ich nochmal 20 Züge in einer 8b. Es mag nach Zwängen aussehen, alles ist durchgetaktet, aber so weiß ich genau, dass ich zu Punkt X die perfekte Leistung bringen kann.
14 Uhr Dann schließlich ist die Zeit für den ersten Versuch gekommen. Ich merke sofort, dass die Bedingungen nicht ideal sind. Fast kein Wind. Soll ich mit T-Shirt klettern, oder ohne. Ohne T-Shirt wird es mir aber wahrscheinlich zu kalt. Ich entscheide mich für das T-Shirt und der Wind flaut ab.
Ein paar Routen neben mir ist vor einiger Zeit ein Kletterer eingestiegen. Er kommt mir in der zweiten Seillinge sehr nahe. Das bringt mich am Ende der 8c-Länge aus dem Konzept. Es rattert im Kopf. Und
Zack zweite Seillänge, zweiter Haken, wo ich schon mindestens 20-mal gefallen bin kommt sie wieder, die Angst, Panik, dass mir die Zeit davonläuft. Schon häng ich wieder im Seil. Das ca. 21te mal.
14:30 Uhr Am Felsen wird es dann doch etwas kühler. Ich entscheide mich, nach unten zu gehen. Auf eine Wiese mit Olivenbäumen. Dort scheint die Sonne. Und da kann man seine Pause verbringen. Geplant sind zwei Stunden, wobei nach einer Stunde wieder eine lockere aufwärmtour ansteht.
Während der Pause denke ich noch mal nach. Visualisiere noch mal. Ich habe mein Bestes gegeben. Nur manchmal reicht es nicht aus und hilft auch nicht. Sondern manchmal muss man einfach 120% geben. In den Kampf gehen. Mittlerweile habe ich diese Zügig so perfektioniert und automatisiert, dass ich meinen Körper vertrauen kann. Ich spüre, dass es der perfekte Weg ist.
Ohnehin bleiben eh nicht mehr viele Klettertage im Urlaub. Wird das der beste Tag sein?
15:30 Uhr Eine Stunde Pause ist vorbei. Ich mache wieder mich wieder auf dem Weg zum Feld.
Die Schritte sind langsam. Ich weiß genau, dass ich bergauf jede Energie sparen muss. Denn die Route ist lang. Die Füße müssen locker und entspannt bleiben. Ich fühle mich wie ein Skispringer, der sich langsam zur Schanze aufwärts begibt. Ich stehe direkt am Einstieg meines Projekts. Spontan entscheide ich mich: „Okay, eigentlich habe ich keine Lust noch eine Stunde zu warten. Ich werde mich nur ans Griffbereit hängen. Ich bin bereit!“
15:50 Uhr Ich mache mich am Einstieg fertig. Das T-Shirt bleibt an, mittlerweile kommt der Wind. Egal aus welcher Richtung, ich weiß nur er ist angenehm, nicht zu stark. Manchmal flaut er ab. Ich steige ein. Die ersten Haken fühlen sich etwas schwammig an. Mir ist flau im Magen. Nach einer harten Sequenz dann der beste Rastpunkt Mitte der ersten Länge. Ich fühle, dass ich mich entspannen kann, die Atmung entspannt sich, sie ist mein Freund und ich kann auf mich vertrauen.
Weiter geht’s! Umlenker eins: das sind die Bedingungen perfekten Bedingungen. Das ist genau das, was ich will. Ich habe mein Ziel vor Augen. Das Problem mittlerweile ist lediglich, dass die Züge so automatisiert sind. Da kann man sich während dem Klettern zu viele Gedanken machen.
Okay, Gedanken beiseiteschieben, ich weiß genau, dass ich 16-mal schütteln kann am 8c-Umlenker. Dann geht’s los! Die Züge zum zweiten Haken fühlen sich perfekt an, ich erreiche den zweiten Haken. Das habe ich bisher nur fünfmal geschafft. Ich fühle mich stark. Der dritte Haken wird nicht geklippt, auf zum vierten Haken. Ich erreiche meinen High-point. Mittlerweile habe ich die Einzelstellen so gut ausgebouldert, so perfektioniert, in Sequenzen geklettert und auch überlappend. Mein Körper weiß genau, was er zu tun hat. Und ich darauf vertrauen muss. Und kann! Alles geschieht wie von selbst, es fühlt sich alles schwer an. Klar, soweit bin ich auch noch nie geklettert. Das ganze Laktat macht sie im Körper bereits bemerkbar. Ich erreiche den nächsten Schüttelpunkt. Unbewusst merke ich, dass es ganz still an der Wand geworden ist. Es wird auch still im Kopf. Ich kann etwas entspannen, ich muss entspannen. Die nächste Sequenz wird schwierig. Es wird wieder 16-mal geschüttelt. Dann Go-Time. Es gibt keinen Weg zurück. Die nächsten Züge fühlen sich zunächst unheimlich leicht an! Aber dann merke ich urplötzlich wie es richtig schwer wird. Kämpfen, kämpfen, kämpfen hämmert es im Kopf.
Kurze Schüttelpunkt. Ich merke, das ist der Versuch. Ich werde keinen besseren Versuchen im Urlaub mehr erleben. Entweder jetzt oder nie. Einerseits macht sich Entspannung breit: Du kannst es schaffen! Ein paar schwere Züge. Dann ist es überstanden. Die Züge klappen so gut wie noch nie. Das Adrenalin, Dopamin, alles vermischt sich. In den letzten Zügen zum Top mach sich eine Gefühlsmischung breit: „Ich schwebe auf Wolken“ und „Ich bin zu Tode müde“. Die ganze Anspannung über zwei Jahre fällt in dem Bruchteil einer Sekunde ab. Beim Klippen der Umlenkers erst kurze Stille, ehe sich alles entlädt. Meine Schreie der Entlastung und unbändigen Freude hallen durch das Gebiet.
Ich habe die Tour besiegt. Ich habe mich selbst besiegt. Vor allem mich selbst.
Beim Ablassen vermischen sich Tränen der Freude und Erleichterung. Ich binde mich aus. Mache mich mit weichen Knien auf zu meinem Sicherungspartner. Mein Trainer, Freund und Papa in Personalunion. Wir freuen uns und liegen uns in den Armen! Es ist geschafft, „La Planta de Shiva“ 9b, 8te Begehung durch Martin Tekles


